Unser stacheliger Nachbar

Was raschelt, schmatzt und grunzt da im Gebüsch oder im Garten? In der Dämmerung oder im Strahl der Taschenlampe glitzern zwei Knopfaugen und ein stacheliger Körper – ein Igel ist unterwegs und wir freuen uns an dem stacheligen Gesellen.

Zu fast jeder Jahreszeit trifft man nachts und manchmal auch am Tag den stacheligen Gesellen in unseren Gärten, Parks oder auf der Strasse. Oft geschieht es, dass die Igel durch Kontakt mit Autos, Maschinen oder anderen Tieren verletzt werden und dann unsere Hilfe brauchen.

Die folgenden Informationen sollen Ihnen helfen, die geschützten Igel und ihre Bedürfnisse besser kennen zu lernen. Möglicherweise können Sie Ihren Garten igelgerechter gestalten? Zudem bietet der Artikel Entscheidungshilfen und erste Massnahmen für Finder verletzter oder geschwächter Igel an.

Das Wichtigste in Kürze

Igel sind Wildtiere. Sie kommen in der Regel allein zurecht.
Es dürfen nur kranke, verletzte, stark untergewichtige oder verlassene Jungtiere in menschliche Obhut genommen werden.
Um einen Igel länger als 5 Tage zu Hause zu halten, ist eine Haltebewilligung nötig (Kantonale Pflegebewilligung).
Igel die über längere Zeit pflegebedürftig sind gehören an einen kompetenten Pflegeplatz (z.B. Wildstation Landshut).

Wie leben eigentlich Igel?

Lebensraum: Igel sind Einzelgänger und beanspruchen unterschiedlich grosse Territorien (in ländlichen Gebieten zwischen 20-100 Hektaren). Diese Lebensräume müssen verschiedene Strukturen aufweisen: Hecken, Gebüsche und Laubhaufen. Dies bietet Nistgelegenheiten und Nahrungsangebote kleinräumig an.

Nahrung: Igel sind nachtaktive Insektenfresser (inklusive Regenwürmer und Larven). Pflanzenteile nehmen sie nur zufällig mit anderer Nahrung auf.

Winterschlaf: Igel fressen sich bis in den Herbst ein Fettpolster als Energiespeicher an. Während den kalten, nahrungsarmen Monaten legen sich Igel in den Winterschlaf. Dies bedeutet, die Vitalparameter reduzieren sich auf ein Minimum und dadurch muss keine Nahrung aufgenommen werden. Nach dem Winterschlaf wiegen die Igel 1/5-1/3 weniger als zuvor.

Lebenserwartung: Ein Alter von 7-8 Jahren ist möglich. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt jedoch nur 2-4 Jahre. Die Jugendsterblichkeitsrate ist mit 60-80% erheblich.

Wie lieben sich Igel?

…ganz, ganz vorsichtig!

Die Paarungszeit liegt zwischen Mai und August, je nach Witterung und Klima. Die Tragzeit ist ca. 35 Tage. Die Wurfgrösse beträgt durchschnittlich 5 Jungtiere (2-10 sind möglich). Die meisten Igeljungen werden zwischen August und September geboren. Die Igelin säugt sie nachts etwa 42 Tage lang. Tagsüber geht sie auf Futtersuche. Im Alter von 25 Tagen verlassen die Jungtiere erstmals das Nest und beginnen auch feste Nahrung aufzunehmen.

Welche Igel brauchen Hilfe?

Verletzte Igel
Kranke Igel: Tiere, welche sich tagsüber nicht versteckt aufhalten, d.h. herumlaufen oder liegen, apathisch oder mager sind, sich nicht einrollen, wenn eine Person/Tier sich nähert. Igel, welche man durch Gartenarbeit stört, suchen auch tagsüber einen neuen Unterschlupf und sind nicht hilfsbedürftig.
Verwaiste Igelsäuglinge: Tagsüber ausserhalb des Nestes, mit geschlossenen Augen und eventuell unterkühlt, da stimmt etwas nicht.
Jungigel, die anfangs November < 500g wiegen: Welche Hilfe diese oftmals kranken Jungtiere brauchen, ob und wann man sie draussen zufüttern kann oder ins Haus nehmen muss, sollte ein Tierarzt entscheiden.

Achtung! Wildtiere gehören dem Staat.

Privatpersonen sind generell gemäss Gesetz nicht berechtigt, kranke oder verletzte Wildtiere aufzunehmen und zu pflegen. Das gilt grundsätzlich auch für Igel.

Erstversorgung beim Igel

Die Finder eines bedürftigen Igels können bereits erste Hilfsmassnahmen ergreifen, bevor sie eine Fachperson (Tierarzt, Wildhüter, Wildtierstation) kontaktieren:

1. Funddatum, Uhrzeit und Fundstelle notieren

Igel als standorttreue Tiere sollten nach der Pflege wieder in der Nähe des Fundortes ausgesetzt werden. Ausnahmen gelten bei Jungtieren.

2. Igel auf Verletzungen untersuchen und Gewicht notieren
3. Unterkühlte Igel wärmen

Fühlt sich die Bauchseite des Tieres deutlich kälter an als die eigene Hand, ist das Tier unterkühlt. Den Igel auf eine mit gut handwarmem Wasser gefüllte Bettflasche (diese mit einem Tuch umwickeln) stellen und mit einem Tuch zudecken.

4. Erste Fütterung

Falls nicht sofort ein Tierarzt aufgesucht werden kann, sollte man dem Tier Nahrung anbieten. Dafür eignet sich als Basisfutter Katzenfeuchtfutter, als Ergänzungsfutter eignen sich z.B. gekochtes Rinderhack oder Rührei (ohne Gewürze). Zu trinken gibt man den Igeln nur Wasser – niemals Milch! Schwachen Tieren flösst man zunächst ungesüssten Fenchel- oder Kamillentee ein.

5. Allenfalls abgesetzter Kot sammeln

Der Kot kann dem Tierarzt für weitere Untersuchungen dienen.

6. Parasiten auf Haut entfernen

Zecken, Fliegeneier und Maden mit Pinzette entfernen. Falls der Tierarzt rasch aufgesucht wird, kann dieser natürlich diese Aufgabe übernehmen.

Hier ist der Igel richtig aufgehoben

Die rechtlichen Aspekte

Der Umgang mit Wildtieren wird in der Schweiz durch das Tierschutzgesetz und Bestimmungen aus dem Jagd- und / oder Naturschutzgesetz geregelt. Igel fallen auch unter diese Bestimmungen.

Folgende Rechtslage gilt für aufgefundene Wildtiere:

  • Tierschutzrechtlich besteht keine Verpflichtung zur Hilfeleistung
  • Artenschutzrechtlich besteht ein Verbot der Naturentnahme und des Besitzes
  • Als Ausnahme dürfen Wildtiere nur zur Pflege aufgenommen werden, wenn sie tatsächlich verletzt, hilflos oder krank sind
  • Diese Ausnahme gilt nur, wenn es das Ziel ist, das Tier unverzüglich wieder freizulassen, sobald es sich selbst erhalten kann. Zur Aufnahme und Pflege braucht es eine Pflegebewilligung des jeweiligen Kantons.

Somit stellt das (gutgemeinte) Aufsammeln von scheinbar hilfsbedürftigen Jungtieren einen Rechtsverstoss dar. Bei Wildtieren, die unter das Jagdrecht fallen, muss der zuständige Wildhüter hinzugezogen werden, da nur er das Aneignungsrecht für die entsprechenden Tiere hat. Ansonsten wäre der Tatbestand der Wilderei gegeben.

Vorsicht ist besser als Nachsicht

Das Auto ist der Hauptfeind des Igels. Fahren Sie deshalb nachts in Dorfnähe oder in der Nähe von Hecken, Gebüschen und Gärten mit erhöhter Aufmerksamkeit.

Weitere Vorsichtsmassnahmen, die Igeln helfen:

Baugruben, Kellerschächte und Schwimmbecken wenn möglich abdecken oder ein Brett oder einen Erdhaufen als Ausstiegsrampe anbringen.
Komposthaufen nur vorsichtig und nicht zwischen November bis März umschichten. Es können sich überwinternde Igel darin befinden.
Auf den Einsatz von Laubsaugern verzichten. Sie saugen nebst dem Laub auch Kleinlebewesen (Igelnahrung) oder gar kleine Igel ein.
Hohes Gras vor dem Mähen nach Igeln absuchen. Und Mähroboter gar nicht oder nur tagsüber einsetzen.

Igelgerechter Garten

Tipps für einen igelfreundlichen Herbstgarten
So gestalten Sie Ihren Garten igelfreundlich:

Natürliches Grün: Büsche und Hecken bieten Igeln Unterschlupf und Nahrung. Insekten, die sich dort tummeln, sind für die Igel ein wichtiges Hauptnahrungsmittel, um sich ein Polster für den Winterschlaf zuzulegen.
Tierfreundliche Gartenpflege: Bei der Düngung des Gartens sollte unbedingt auf natürliche Produkte wie Komposterde und Rindenmulch zurückgegriffen werden. Chemische Mittel, die Insekten und Schnecken töten, schaden in der Folge auch den Igeln.
Durchgänge schaffen: Hecken sind eine natürliche Alternative zum Gartenzaun und ermöglichen den Igeln den Durchgang zu anderen Gärten. So können die Tiere von Garten zu Garten streifen und ausreichend Nahrung finden.
Igelhäuser einrichten: Ein wetterfester, mit Laub ausgepolsterter Unterschlupf ist ein ideales Versteck und Winterquartier. Reisighaufen, überdachte Laubhaufen, Zwischenräume unter dem Gartenhäuschen sowie Hohlräume unter Holzstapeln oder unter den großen Wurzeln alter Bäume eignen sich hierzu.

Der Igel und ihr Hund

Igel sind selten allein unterwegs – viele Igel wimmeln nur so vor Flöhen und Zecken! Und genau hier liegt die Übertragungsgefahr für unsere Hunde und Katzen. Wer neugierig und unbedacht an einem Igelnest schnuppert, infiziert sich ganz schnell mit den lästigen Plagegeistern. Zur Flohübertragung ist der direkte Kontakt zum Igel nicht einmal nötig. Igel hinterlassen an ihren Schlafstellen Flohlarven und Eier, die von unseren Vierbeinern beim Durchstöbern des Gartens aufgelesen werden.

Sobald sich die Flöhe auf ihrem neuen Wirt eingenistet haben, beginnen sie mit dem Blutsaugen, wodurch es bei unseren Haustieren schnell zu starkem Juckreiz, Hautentzündungen, bis hin zur Flohbissallergie kommen kann. Zusätzlich werden in der Umgebung reichlich Eier abgelegt, aus denen sich dann über ein Larven- und Puppenstadium wieder neue Flöhe entwickeln. Ein wahrer Teufelskreis beginnt, der sich zum massiven Flohproblem auf dem Tier und in der Wohnung entwickeln kann. Auch vor uns Menschen machen Flöhe beim Blutsaugen nicht halt.

Sollte Ihr Tier ohne Flohprophylaxe auf einen Igel oder ein Igelnest gestossen sein, überprüfen Sie bitte umgehend, ob er sich mit Flöhen infiziert hat. Ausführliche Informationen dazu finden Sie auch in unserem Artikel Flöhe.

Es empfiehlt sich, unsere Haustiere über den Sommer hinaus auch noch im Herbst mit einem guten Floh- und Zeckenschutzmittel zu versorgen. Unser Team berät Sie gerne und kompetent.

Unser Engagement für verletzte Wildtiere

Haben Sie gewusst, dass wir eine spezielle Bewilligung vom Kanton benötigen, damit wir als Tierarzt Wildtiere behandeln dürfen? Längst nicht jeder Tierarzt hat eine Bewilligung zur Wildtierpflege.

Für die Betreuung von verletzten oder geschwächten Wildtieren, welche über eine Notfallbehandlung hinaus gehen, braucht es eine Pflegebewilligung des Kantons.
Wir verfügen über eine solche Bewilligung und arbeiten eng mit den regionalen Wildhütern zusammen. Aufwändige und heikle Pfleglinge überweisen wir nach einer Erstversorgung an die spezialisierte Wildstation Landshut.

Verletzte Greifvögel, Jungvögel, Igel oder Kleinsäuger, welche man uns bringt, werden von unseren Tierärzten erstversorgt. Anschliessend klären wir mit unserem Netzwerk von Fachpersonen, den Wildhütern und Auffangstationen die nächsten Schritte ab und koordinieren die fachgerechte Pflege und Unterbringung der Wildtierpatienten. Oberstes Ziel bleibt immer, das Wildtier innert wenigen Tagen wieder in die Natur entlassen zu können.

Dem Überbringer eines verletzten Wildtieres entstehen von der Kleintierpraxis im Moos keine Kosten. Wir übernehmen die Ausgaben und Aufwendungen als unser Engagement gegenüber der Natur.

Möchten Sie unser Wildtier-Engagement unterstützen?

Die Pflege von Wildtieren ist zeitintensiv. Für eine erste Abschätzung der Auswilderungschancen sind oft weiterführende Untersuchungen (Röntgen, Labor) nötig. Diese Auslagen tragen wir selber.

Falls Sie uns bei diesem Engagement unterstützen möchten, sind wir um jeden finanziellen Beitrag froh.

Spenden Sie jetzt für unseren Wildtier-Fonds

Spendenkonto: PC 30-253877-5
IBAN: CH65 0900 0000 3025 3877 5
Kleintierpraxis im Moos, Wildtier Fonds, Bielstrasse 39, 3232 Ins

Geschrieben von

Anna Geissbühler Philipp

Dr.med.vet. FVH für Kleintiermedizin
Dipl. Verhaltenstierärztin STVV

Anna Geissbühler Philipp ist seit 1991 Diplomierte Tierärztin im Kleintierbereich. Eröffnung der eigenen Praxis 1998. Durch ihre langjährige Erfahrung im Bereich Kleintiermedizin und laufenden Weiter- und Fortbildungen, vor allem in den Bereichen der Inneren Medizin, verfügt Sie über ein grosses Know-How und Wissen. Dieses gibt Sie aktiv an Ihre Mitarbeiterinnen und Auszubildenden weiter. Zusätzlich hat sich Anna Geissbühler Philipp im Bereich der Verhaltsmedizin weitergebildet und 2006 mit Diplom zur Verhaltenstierärztin abgeschlossen.